Original:
Marktplatz 1
am Deutschen Haus in Bremen
Text: Gedenke / der Brüder, / die das / Schicksal / unserer / Trennung / tragen!
Anbringung am 18. 7.1955 auf Initiative von
Carl Wilhelm Kaisen
(* 22.05.1887 in Hamburg;
† 19. Dezember 1979 in Bremen), erster gewählter Bürgermeister seit 1933
(31.07.1945 - 20.07.1965)

Format des Rahmens (hxbxt):
5030 x 2213 mm x 87 mm
Rahmen:
L-Stahlprofil
Gitter:
21 vertikale, 16 horizontale Rundstähle, ø 6 mm
Typo:
Entwurf unbekannt,
Typo aus der Gruppe der Französische Renaissance-Antiqua
Material:
Zinkblech, 0,7 mm, gelötet mit 26 mm Tiefe

Produktionzeit:
Ende März bis 11. Mai 2012

Produktion:
Roger Bröchler, Düsseldorf und Marcus Tolksdorf, Wuppertal

Hängung:
14. Mai 2012,
Haus der Geschichte in Bonn

PRESSE:
Artikel in der »Initiative Zink«
»Vom Löten und Rosten: Zeitzeugnis aus Zinkblech originalgetreu rekonstruiert«

Fotos:
Elena Ihilcik
Tagebuch:
Vom Löten und Rosten, oder
Edelrost, frisch aus dem Drucker!


Unsere Replik für das HDG - Haus der Geschichte in Bonn

bremen_marktplatz

Zur Vorgeschichte:
In Bremen steht das 1909 erbaute und im Krieg teilzerstörte Deutsche Haus in Bremen mit der Inschrift: »Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen!« Diese Mahnung des ehemaligen Bürgermeisters Wilhelm Kaisens auf dem denkmalgeschützten Haus ist seit 1955 auch nach der Wiedervereinigung erhalten geblieben. Diese Inschrift wurde im März 2011 für ein Jahr an das Haus der Geschichte in Bonn verliehen und Mitte April 2012 zurückgegeben und am 10. Mai 2012 in Bremen wieder aufgehängt. Foto: URBAN ARTefakte

HDG_Bauzeichnung_Bremen

Auftrag war, das Original, welches an das Haus der Geschichte in Bonn ausgeliehen war, möglichst originalgetreu nachzubauen.
Ich hatte knapp einen Monat Zeit, denn der Rückgabetermin des Originals nach Bremen stand bereits an.


GEDNKR

Am Anfang stand das Wort.
52 Buchstaben, 17 unterschiedliche Typen plus Ausruf, Komma und zwei Punkte.
453 mm hohe und 26 mm starke Versalien, gelötet aus 0,7 mm starkem Zinkblech. Und nach 55 Jahren an der Bremer Fassade, so richtig verwittert. Es gab sogar einen Fleck von einer ?Tomate?
Meine umfangreichen Recherchen nach der Herkunft der Schrift blieben erfolglos. Anrufe bei alten Bremer Handwerkern, Kunsthandwerkern und Nachfragen, selbst in internationalen Typoforen schloß ich ohne eine weitere Erkenntnis ab. (Nachtrag Juli 2012 > Nach weiteren Recherchen fand ich noch die obigen Bauzeichnung im Bremer Bauamt. Sie wurde mir freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.)

Es bleib mir also nichts anderes übrig, als auf einem Steiger 7m hoch im Haus der Geschichte in Bonn das Original 1:1 abzufotografieren. Buchstaben für Buchstaben. Da war mir aber schon klar - das wird kein Auftrag wie jeder andere! Freude kam über die anstehende Arbeit auf.

BUIASCH

Nicht nur das jeder Buchstabe eine andere Verwitterungsstruktur hatte, die ich ja erhalten wollte, sie waren auch alle sehr individuell. Zum Zeitpunkt der Erstellung im Jahre 1955 waren die Möglichkeiten eben nicht die digitalen von heute. Es wurde mit Pauspapier und Blechschere gearbeitet. Den Verwitterungszustand wollte ich wohl erhalten, jedoch den anstehende Wasserschnitt der Buchstaben wollte ich nicht auch noch individualisieren.

LT!Komma

Der Gitterrost hält die Buchstaben wie ein Grundraster. Sie sind beidseitig gelocht und einzeln mit einfachem Bindedraht »angerödelt«. Teilweise waren die Löcher über die Jahre ausgerissen und von Hand nachgearbeitet worden. Das gab dem ganzen eine weitere lebendige Patina. Das Ausrufezeichen, die Punkte und das Komma wurden teilweise frei mit Draht fixiert. Das haben wir versucht, exakt nachzuarbeiten.

HDG_Typo_Konstruktion_010

Zurück im Atelier in Düsseldorf wurden alle Dateien in Photoshop erst mal übereinander gelegt. Die Mittellängen variieren, das wurde natürlich so übernommen, denn es macht die Lebendigkeit der Typo aus. Insbesondere am grossen N war auffällig, das es aus dem kleinen n konstruiert wurde. Es liefe sonst sicher zu breit durch den diagonalen Mittelsteg.

GEDENKE_DER

Zum Abschluß der Büroarbeit die Kür in Illustrator CS6. An ein paar Schriften hab ich mich in der Vergangenheit ja schon versucht. Noch mit Fontographer 2.0 und an einem MacII… Lang her. Erst die eigene Handschrift eingescannt, dann Unterschriften berühmter Künstlersignets von ihren Bildern abgenommen und das Alphabet vervollständigt. War auf jeden Fall immer eine sehr umfassende Arbeit. Obwohl ich mit Geduld ausgestattet bin, war das aber nie so richtig meins…
Jetzt aber und hier bei dieser Arbeit habe ich den praktischen Einsatz direkt vor mit gesehen. Hat mal wieder so richtig Spaß gemacht.

DAS_SCHICKSAL_UNSERER

Ein paar feine Unstimmigkeiten hab ich drin gelassen. Das U und das N sind nur gedreht, war aber schon im Original so… Ich könnte mir auch vorstellen, die fehlenden 11 Buchstaben des Alphabetes einmal anzulegen. Wär doch mal was. Ich würde sie Bremen55 nennen… Vielleicht bekomme ich aber auch noch raus, wer sie im Original angelegt hat!

TRENNUNG_TRAGEN

Vier Buchstaben hatten noch Platz für den eigenen Firmennamen. Alles wurde 1:1 und im Format 2.000x1.000 mm abgelegt und nur als Kontur definiert.
Anschliessend der pdf-Export und ab zum »abrasiven Wasserschnitt« zu
cutall nach Erkrath.

HDG_Typo_Loeten_001

Keine zwei Tage später hatte ich sogfältig verpackte Buchstaben im Kombi. Die Spannung stieg beim Auspacken weiter…
Die Buchstaben waren aus den Titanzinkblechen scharf und sauber ausgeschnitten. Selbst die Kanten waren von Hand noch einmal von cutall nachgeschliffen! Das nenn’ ich Service.
Das gesamte Material (Zinkbleche und Stahlmaterial) haben wir bei
ProKilo in Düsseldorf geordert, welches auch schnell mit einem riesigen Laster von der Zentrale aus Köln direkt in die Werkstatt von Marcus nach Wuppertal angeliefert wurde.

HDG_Typo_Loeten_005

Die Wangen, also die Tiefe der Buchstaben hatten wir uns aus 26 mm breiten und 2.000 mm langen Streifen vorschneiden lassen und so saßen wir jetzt vor einem kleinen Berg Buchstaben und vielen Metern Blechstreifen. Daraus sollten einmal 52 Buchstaben plus Zeichen werden? Wir begannen mutig, ausgestattet mit 80 Watt Lötkolben, Lötwasser, 5 Kilo Lötstangen und einem fernen Ende vor Augen…

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Es zog sich gefühlsmäßig hin - doch es ging einfacher als gedacht. Ich hatte für jeden Buchstaben mehr Zeit eingeplant und so waren wir zu dritt schneller fertig. Das überraschendste aber war für mich, das ich durch meine vielen Jahren am Rechner mit Freehand, später Illustrator die »Bezierkurven & Knotenpunkten« der Lötung ganz automatisch verstand.
Umso weniger Punkte an der richtigen Stelle und umso sauberer wurden die Radien. Wir haben uns kleine Ecken vom Lötzinn abgeschnitten, die Stelle mit dem Lötwasser startklar gemacht (ohne ging gar nix) und dann ging es ohne Angst in die nächste Biegung. Das war Arbeit mit Erfolgsgarantie. Herausforderung war dann, mit möglichst wenig Schritten um einen ganzen Buchstaben zu kommen… Oder am effektivsten schwierige Ecken zu meistern!

HDG_Details_012

Ready-Made oder Art-Brut! Unser Arbeitsplatz nach drei Wochen löten.

HDG_Typo_Konstruktion_006

In Gedanken waren wir natürlich auch bei den Oberflächen. Wie kommt die optimale Rostanmutung auf die Buchstaben…?

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Unterdessen bauten wir den ca. 5x2 Meter großen Gitterrost auf. 21 vertikale und 16 horizontale Rundstähle. Abzulängen und zu fixieren waren 15 Meter L-Profil und 180 Meter 6 mm Rundstangen.
Das sollte einmal das Grundgerüst werden! Im Bild noch die Hilfsdiagonale zum sichern des rechten Winkels. So müssen die Pyramiden gebaut worden sein!

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An der rechten Seite des Objektes gibt es zwei senkrechte fette Stahlelemente von 40x10 mm Stärke. Die Funktion ist nicht klar - für die Funktionalität sind sie nicht nötig. Sicher dekorativer Natur.

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Die Gesamtkonstruktion ergab ca. 340 Kreuzungspunkte. Wir entschlossen uns, nur jede zweite zu verschweissen. Nach Vorschrift hier Meister Marcus mit Hör- und Augenschutz.
Nicht ganz konform - ohne Handschuhe. Waren sonst aber auch dabei… Den gesamten Rahmen konnten wir praktischer weise in seiner Werkstatt auf einer Hebebühne bearbeiten. Das war natürlich ein Leichtgewicht mit ca. 180 kg auf seiner Bühne, aber ungemein praktisch im Zugang an den Punkten.

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Eine erste Legeprobe der noch unlackierten ersten Buchstaben auf dem unpräparierten Gestell. In der Mitte sichtbar der Bügel gegen das Durchbiegen durch das Eigengewicht des Stahlrasters. Sah aber alles schon mal ganz nah am Original aus. Jetzt musste es nur noch 55 Jahre »altern« - in zwei Wochen…

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Den Rahmen haben wir zunächst in dem vom Original abgenommenen Ton lackiert, (wie Pantone 425) und anschliessend noch mit Stahlwolle mattiert. Noch ohne den Patinafaktor mit selbst gezüchtetem Rost.

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Hier die fertigen Buchstaben, fein sauber geschichtet und fertig zur Grundierung und Lackierung. Die Kanten haben wir noch mit der Eisenfeile und Sandpapier nachgearbeitet, weitestgehend konnten wir aber auf ein sauberes Richten der Buchstaben verzichtet. Später müssen sie alle von Hand noch »verbogen« werden. Eben 50 Jahre Open-Air Rock’ Roll!

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Trotz aller gewünschten Patina, ohne Sauberkeit geht beim Lackieren nix. Also erst mal der Staub runter und evtl. Feuchtigkeit. Teilweise hatten wir nur ca. 4 Grad auf der nach unten offenen Wetterskala in der Werkstatt…

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…auch hier ein ordentlicher Arbeitsplatz mit Profi-Absaugung nach unten.

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Sicher hätten wir die Farbe auch von Hand aufbringen können. Sowohl der Betrachtungsabstand, als auch die »historische« Weiterverarbeitung hätte es verziehen. Aber auf eine saubere Grundierung und einen professionellen Farbauftrag wollten wir dann doch nicht verzichtet. Das Objekt wird wohl nie der Witterung ausgesetzt werden, aber vielleicht werden die beiden Arbeiten in 50 Jahren einmal getauscht werden müssen…

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Einen herzlichen Dank noch einmal an
Heinz. Aber, die Lackierung wurde viel zu schön…;)

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Zinkgrundierung plus RAL 9001, entspricht etwa Pantone CoolGrey1. Aber davon bleibt ja nicht so viel, denn es kommt ja…

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…der Rost! Wir haben ihn selbst gezüchtet, aber als auch als fertigen Rost-Lack gekauft. Damit motzen die Jungs ihre sogn. »Ratten« aus, das sind die auf alt getrimmten Autos mit originalem Rost! Auch im Modellbau wird damit viel experimentiert. Bei der langen Recherche der Materialien hab ich auf jeden Fall wieder viel gelernt! Ich sag nur Essig und Stahlwolle unter Luftabschluß - gibt die beste Plempe!

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Hier die linke untere Ecke in einem frühen Stadium. Hier befand sich eine alte Verschraubung, die heute nicht mehr genutzt wird, aber die Öffnung sollte schön »gebraucht« aussehen. Zunächst haben wir mit einem Acrylgel ein wenig modelliert und dann den Rost entstehen lassen… Der helle Streifen am Rand des L-Profils simuliert ein wohl ehemals angeklebtes Tape, welches einmal zur Abdeckung des Originals dort angeklebt wurde. Nach der Entfernung blieb Kleber hängen. Haben wir mit einer halbtrockenen Rolle simuliert.

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Die Schweißpunkte wurden natürlich auch mit Rostfarbe und reinen Rostpigmenten belegt. Nachdem wir die erste Scheu abgelegt hatten, damit umzugehen, lief es wie von selbst.

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An den beiden seitlichen Trägern gab es im Original auffällige Aufblühungen von Rostpunkten. Hier modelliere ich gerade mit einer
Craquelé-Paste nach Vorlage die Basis an der Replik bevor diese auch noch lackiert und präpariert wurden.

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Die Buchstaben waren fertig und gingen dann sortiert und nummeriert zur Weiterverarbeitung. Zunächst wollten wir die »gealterten« Oberflächen mit einer Kombination von Reisslack und aggressiven Lackzuständen anlegen. Wir haben auch mit Knochenleim, Wasserglas und den verschiedenen Kombinationen experimentiert. Dann kam uns die glorreiche Idee, die Oberflächen mit dem jeweiligen Originalbuchstaben entsprechend im DirektDruck (Plattendruck) zu simulieren. Die Dateien hatte ich ja und mit ein wenig Weiterverarbeitung konnte ich diese als Druckdateien nutzen. Der erste Test verlief vielversprechend.

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So ausgebreitet sahen sie alle ein wenig technisch aus. Sie müssen jetzt ganz schnell altern… Aber schön sind sie schon!

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An den Wangen gut sichtbar die Löcher für die Befestigung. Rund um die Löcher und insb. die Seiten müssen wir noch von Hand »altern« lassen. Hier werden wir mit Rost-Schwamm und Dispersionsfarbe noch was auftupfen. Jetzt ab zum Druck…

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Das erste Druckergebnis überzeugte uns. Den Effekt hatte ich mir so gewünscht. Roststellen und Abplatzungen auf der Oberfläche sahen realitätsnah aus. Und so war gewährleistet, das wir den Originalzustand wirklich simulieren konnten. Besser gehts nimmer. Jetzt noch den Rand ein wenig präparieren und dann konnten wir in der kommenden Woche in Ruhe die Buchstaben »anrödeln«!

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Hier einen Augen-Blick in die »Fälscherwerkstatt«. Druck auf der Frontseite top, aber auf den Seiten und überhaupt mussten die Buchstaben noch lebendiger werden. Die angesetzte Rostplempe hatte bereits Feinstaub abgesetzt. Den hätten wir jetzt noch trocknen können und mit Leinöl versetzen. Das ist abriebfest, glänzt aber leicht. Wollten wir nicht riskieren - wir waren ja froh, das es »used« aussah. Oder das Material direkt fett&feucht auflegen, leicht antrocknen lassen und wieder partiell abreiben oder tupfen. Das wars! Sah gut aus und wir sahen sofort, wie es wird!

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Jetzt sah alles nach einem entspannten Finale beim »Altern« aus. Als Rödeldraht haben wir unterschiedliche Möglichkeiten durchgespielt und uns dann für den lackierten 1mm Bindedraht entschieden. Dann wieder ein klares Plus für die Hebebühne von Marcus. Beim Über-Kopf-arbeiten wurden uns wohl die Arme schwer und der Nacken krumm, aber zu zweit ging es wirklich flott, jeder 100 Knoten.

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Hier die unlackierte Ansicht des Drahtes und die gealterte Flanke des Buchstabens T. Die FixPunkte der Buchstaben waren jeweils nur die horizontalen Stege des Rahmens in einem fixen Raster. Das machte das Ausrichten für uns einfach. Die genauen Positionen haben wir vom Original abgenommen. Und als Ansicht hatten wir hierzu einen hochaufgelösten Ausdruck im Format 240 x 80 cm. So konnten wir uns auch hier an das Original halten.

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Jeder dieser Buchstaben konnte nun seine Geschichte des Entstehens erzählen. Und jeder ist für sich schön.

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Und schön alt! Sicher gibt es unterschiede zum Original. Aber die Kombi des originalen Rahmenmaterials mit der Materialität der Buchstaben und des Direktdruckes mit dem individuellen Rostauftrag lässt das schon wirklich »alt« aussehen. Bin gespannt auf die Wirkung auf der Wand. Das Original war inzwischen bereits abgenommen und nach Bremen versendet worden.

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Jetzt sah ich überall nur noch Rost!

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Das gereifte T mit einer Mischung aus gezüchtetem Rost und ein wenig Knochenleim. Gab dem Ganzen nach der Trocknung auch noch ein wenig halt…

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Plötzlich hatten wir den Eindruck, das wir fertig waren. Jedes mehr wäre ein zuviel gewesen. Wir umliefen die Arbeit unserer letzten Wochen mit einem »mmmmh« und »naja«, hielten den Kopf mal drunter und mal drüber, waren unentschlossen über den plötzlichen Zustand… Unsere Starre wurde von einer Einladung zu einem leckeren Apfelpfannkuchen gelöst…

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…vielleicht würden wir sonst heute noch tupfen. Ist jetzt fertig.
Am Montag, 14.05.2012 gings dann ab nach Bonn ins HDG…

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Und plötzlich klarte der Himmel auf und es wurde zum ersten Mal so richtig warm in der Werkstatt und brachte schöne Schattenspiele.

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Den 7,5 to. hatten wir praktischerweise direkt in Wuppertal gemietet. Kleiner ging es nicht, wir wollten ja liegend transportieren.

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Zunächst Rückenschonend auf den vier Rollen (Oliver Dank) über den Hof bis zum LKW.

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Den hatten wir uns mit Ladebordwand geleistet, sollte doch soweit als möglich entspannt gehen. Zunächst hatten wir vor, die Replik auf einem Anhänger zu transportieren. Die Vorstellung jedoch, mit einem 10 Meter langem und 2,5 meter breiten langem Gefährt klappernder weise durch die Baustellen um Köln zu fahren, brachte mich dann doch zum Schwitzen. Und wieder einmal 7,5 to zu fahren, war irgendwie spannender.

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Sauber fixiert und mit Decken abgefedert ist schon halb und gut angekommen. Links rund rechts passte aber gerade nur noch ein Schuh rein.

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Er wars!

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Gefederter Sitz, kreischendes Radio, rechte Spur, Drehzahlbegrenzer bei 90 und Elena fotografiert. Dankeschön noch mal.

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Hier wollen wir rein!

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Länger als gedacht und schon was spät dann vor dem Haupteingang des Haus der Geschichte in Bonn. Wr hatten uns den Besucherfreien, aber nicht arbeitsfreien Tag des HdG ausgesucht. Montags ist hier der Hauptarbeitstag, alle Präsentationen sind aktiv und laufen im Loop. Es tönen die Lieder…

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Das Portal weit auf, wieder auf die Rollen und dann hinein. Aus der Erfahrung, die wir bei der Abnahme des Originals gewonnen hatten, konnten wir schöpfen.

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Auf den Rollen ging es dann bis hier her - vorbei an der deutschen Geschichte. Bis zur ersten Treppe war es nicht mehr weit. Die ständige Ausstellung im HdG ist wirklich gespickt mit sehr authentischen Installationen. Da lohnt sich für jeden interessierten mal ein Besuch. Der Eintritt ist zudem kostenlos - wo gibt's denn das noch?

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Die Rollen ab und zu sechst war es dann ein einfaches bis zur Installationswand.

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Hier wären wir dann auch nicht mehr rollend vorbeigekommen. Mahnend steht hier der T34 im Umfeld der 50er Jahre. Hier gehört dann auch unser Objekt hin. An der Wand sind die Haltepunkte zu erkennen. Die beiden oberen haben wir ebenso nachgearbeitet, denn die Originalen sind ebenso wieder in Bremen.

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Jetzt war vorbei mit Reden, hier mussten wir hoch. Die Arme wurden lang gemacht. Ein paar Kratzer an der Wand gab es dann wohl, jedoch zum Glück auch noch Originalfarbe zum ausbessern. Und da die Wand auch leicht strukturiert ist, war dies nicht so tragisch.

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Leichte »Kerningprobleme« wurden dann ebenso noch nachgebessert. Aber schon jetzt und hier war abzusehen, wie gut sich die Replik an der Wand macht.

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Marcus mit einem flotten Tanzschritt beim Aufbau des Rollgerüst. Auch das kannten wir ja schon vom Abbau und das Gefühl, auf diesem in 7 meter höhe zu stehen…

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Jetzt werden die Fotos hochkant. Wir wollten ja auch hoch hinaus. Noch mal richtig in die Hände gespuckt und gemeinsam das gute Stück in die zwei oberen Hacken gehängt. Die unteren sind nur zur Fixierung an der Wand angebracht - also ohne statischen Charakter. Die ganze »Häuserwand« besteht aus einer verputzten Gipskarton-Ständerkonstruktion. Die beiden oberen Haltepunkte wurden mit einer Vierkantrohr ca. 80 mm auf Distanz verschraubt. Das musste jetzt passen!

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In die vorhandenen oberen Löcher im Rahmen hatten wir uns zur Sicherheit Spanngurte in 4 Ösen gesetzt. Damit wollten wir in die Konstruktion Halt bringen und diese am Rollgerüst fixieren.

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Hängt, aber passt nicht. Warum? Beim Original gab es auf der rechten Seite zwei hölzerne Unterlegkeile. Damit wurde die rechte Seite leicht angehoben. Unser Außenmaß entsprach den Vorgaben, jedoch saß jetzt der gesamte Rahmen auf den unteren Haken auf und oben gab es ca. 10 mm Luft. Wir haben dann in das obere L-Profil zwei kleine Vierkanthölzer und zwei Keile eingelegt, kaum sichtbar und die Schrauben fest angezogen. Passt.

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Dem kennenden Blick von Herrn Lierz, dem leitenden Restaurator des HdG, konnten wir seine Zufriedenheit schon jetzt anmerken. Jetzt noch die letzten leichten Korrekturen. Beim Transport und bei der Hängung ist jedoch weniger verrutscht als gedacht.

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Auch bei uns entspannten sich jetzt wieder die Schultern. An die Höhe gewöhnte ich mich jetzt auch…

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Noch ein letztes Mal die zarten Versalien streicheln… Ich möchte zum Abschluß hier noch diesen wunderschönen »Blindtext«, sozusagen als Ode an unsere Arbeit, einbringen. Schlummert seit dem November 1995 auf unseren Rechnern und wird immer schön von Generation zu Generation mitmigriert… Die Urheberschaft liegt wohl bei einem ehemaligen Wettbewerb einer Agentur in HH und hat mich immer wieder erfreut!

Liebes-Lettern. Wie beiläufig, beim Umblättern der Buchseiten, habe ich Dein B berührt. Man hatte Dich mir als Type geschildert, der man in allen Bibliotheken begegnet: sehr belesen, doch eher unscheinbar, von etwas altmodelnder Art. Mir aber gefiel Deine Anmutung, kleine Antiqua. Nicht zu verschweigen Deine weiblichen Rundungen, Deine Os und Dein verlockendes V, das sich mit deutlichem Duktus durch das feine Dünndruckpapier wie in seidenen Dessous abdrückte. Mein Puls beschleunigte seine Frequenz. Wieder wollte ich Dich berühren. Und konnte kaum den Windstoß erwarten, der meine Textseite zu Dir zurückblies. Was nur sollte ich sagen, während Du mich mit Deinen ausdrucksvollen As ansahst? Vielleicht zunächst ein sachliches Gespräch über die Vorzüge der Links- oder Rechtsbündigkeit mit Dir beginnen. Ganz unauffällig konnte ich so Deine schlanken Ober- und Unterlängen studieren und den Anblick Deiner zierlichen Füßchen und Serifen genießen. Nach einer gewissen Laufweite faßte ich mir ein Herz, Dich zu einem Zwiebelfisch-Imbiß einzuladen. Wir schlürften alten Linotype-Wein aus schlanken Versalien. Und unsere Gefühle wurden tiefer, unsere Haltung kursiver. „Ach, ich wünsche mir“, hauchtest Du, „einen süßen, kleinen Schusterjungen von Dir.“ „Hoffentlich“, dachte ich, „wird es kein Hurenkind!“

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Das R hing schon am Original schräg. Sollte ja auch wieder so sein. Also noch mal nachjustiert.

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Noch der letzte Blick auf die Arbeit. Das bleibt unser Geheimnis, das hier jetzt das Original hängt und in Bremen die Kopie;)

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Hunger stellte sich ein. Brötchen oder die Kantine der Bundesnetzagentur? Es gab Tagliatelle und auf der Heimfahrt nach Bonn einen seeehr langen Stau auf der A59 zurück nach Wuppertal. Aber das konnte unsere Laune nicht verderben. Die Arbeit war wirklich fertig und alle zufrieden.
Schönes Gefühl.

Hier noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten. Zunächst natürlich einmal an Marcus, den ich mit meinen unbekannten Variablen nicht aus der Ruhe bringen kann. Kommt bald sicher wieder etwas Überraschendes. Dann natürlich auch an Carin, die uns immer wieder aus der Kältestarre mit Zauberbroten oder mit pfannengrossen Leckereien gerettet hat.
Danke auch an Ralf und Lutz, die ich im Vorfeld der Arbeit mit meinen Fragen gelöchert habe. Cпаcибо an Elena für die Fotos.
Und zum Schluß, aber eigentlich am Dollsten, danke N&M. Die wissen schon wofür.